Was ist Ihnen heilig?

Wenn ich diese Frage stelle, wird oft zurückgefragt: „Was meinen Sie damit? Meinen Sie, was mir wichtig ist?“ Schnell wird klar: Das Wort „heilig“ besitzt tiefere Schichten. Die Antwort fällt oft persönlich aus. Bestimmte Orte sind mir heilig, es gibt Zeiten, die ich schütze, Geheimnisse, die ich meinem Tagebuch anvertraue oder Menschen, die ich liebe…

Das Heilige ist in allen Religionen mit einer „göttlichen Sphäre“ verbunden. So reinigen Priester sich oder bereiten sich lange vor, um im „Allerheiligsten“ eines Tempels sein zu dürfen. „Geheiligt werde dein Name“ beten Christen z.B. im Vaterunser. Mit den Konfirmanden legten wir einmal eine Art „heiligen Kreis“ – jeder durfte einzeln hineintreten und seinen Namen laut sagen. Dann haben ihn alle zusammen wiederholt und den Kreis um die Person geschlossen: Was für ein besonderer Moment! Die Jugendlichen merkten: Ich bin gemeint! Hier bin ich ganz. Und vielleicht auch: Hier bin ich einen Moment lang „heil-gemacht“.

Im Tagesgeschäft eines Unternehmens sind solche kleinen Momente eher selten. Es muss etwas geschafft werden: Das Planen, Abarbeiten, Terminieren, Controllern, Evaluieren steht an der Tagesordnung. Und wie, bitteschön, kommt man da nicht in eine Mühle hinein und findet den Ausgang nicht wieder? Der alte „Revoluzzer“ Konstantin Wecker hat ihn entdeckt und beschrieben:  „Alles wendet sich und endet und verliert sich in der Zeit. Nur der Augenblick ist immer. Gib dich hin und sei bereit!“ Er sagt, dass nur die Augenblicke ewig sind. Und die sollten wir leben – die sollten wir aufmachen wie Räume, die für uns da sind. Es sind Räume, die uns schützen vor einem schnellen Pragmatismus. Räume, die Fenster zum Himmel haben, zum Heiligen. Jeder darf sich solche Räume suchen: In der Kirche, im Raum der Stille, beim Durchatmen zwischen zwei OPs und anderswo. Dafür steht sinnbildlich die Gestalt von Jesus Christus, der sagte: „Ich bin wie eine Tür.“ Und das war er für viele damals, wie wir wissen.

Darüber haben wir auch im Glaubenskurs des Oberlinhaus gesprochen. Neun Abende haben wir über Schicksal, Bibel, Gottesbilder, Rituale, das Kirchenjahr sowie Tod und Auferstehung gelesen, diskutiert und schließlich gesungen, geschwiegen und gefeiert. Am Schluss haben sich einige von den zwölf Teilnehmern taufen lassen. Das war keine Bedingung – es war eine tiefe Begegnung am Morgen des Ostersonntags in der Oberlinkirche.