Integrationsbetriebe – ein geeigneter Weg auf den ersten Arbeitsmarkt?!

In Integrationsunternehmen arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zu etwa gleichen Teilen. Die Bezahlung ist marktüblich. Um das leisten zu können, erhalten die Betriebe Förderleistungen des Integrationsamtes.

In Integrationsunternehmen arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zu etwa gleichen Teilen. Die Bezahlung ist marktüblich. Um das leisten zu können, erhalten die Betriebe Förderleistungen des Integrationsamtes. Unternehmen mit mindestens 20 Beschäftigten, die unter der gesetzlich vorgeschriebenen Beschäftigungsquote für Menschen mit Schwerbehinderung von fünf Prozent bleiben, müssen eine Ausgleichsabgabe zahlen.

Simone Wuschech ist Leiterin des Integrationsamtes Land Brandenburg.

Simone Wuschech ist Leiterin des Integrationsamtes Land Brandenburg, Foto: privat

Die Sicht eines Integrationsamtes

Integrationsprojekte im Sinne des SGB IX bieten Beschäftigungsmöglichkeiten für schwerbehinderte Menschen, deren Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt aufgrund von Art und Schwere der Behinderung oder wegen sonstiger Umstände trotz Ausschöpfens aller Fördermöglichkeiten und des Einsatzes von Integrationsfachdiensten auf besondere Schwierigkeiten stößt. Dabei sind die Integrationsprojekte selbst Unternehmen auf dem ersten Arbeitsmarkt oder als Integrationsabteilungen Teil bestehender Unternehmen. Insofern unterliegen Integrationsprojekte, wie jedes andere Unternehmen, den Gesetzen des Marktes und verfolgen erwerbswirtschaftliche Ziele. Für die besonders betroffenen schwerbehinderten Menschen bedeutet das, in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis nach branchenüblichen und arbeitsrechtlichen Regelungen entlohnt zu werden.

Mit der Schaffung behinderungsgerechter Arbeitsbedingungen auf dem ersten Arbeitsmarkt, verbunden mit arbeitsbegleitender Betreuung und Unterstützung für den Personenkreis der besonders betroffenen schwerbehinderten Menschen, wird in den Integrationsprojekten gleichzeitig die Grundlage für die individuelle Weiterentwicklung jedes einzelnen schwerbehinderten Menschen geschaffen, so dass sich auch außerhalb des Integrationsbetriebes Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnen können.

Integrationsprojekte leisten somit einen wichtigen Beitrag auf dem Weg zu einem inklusiven Arbeitsmarkt und in Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Wir freuen uns über das zunehmende Interesse an der Gründung von Integrationsprojekten in Brandenburg. Als Integrationsamt beraten wir Interessenten und unterstützen potentielle Neugründer in der Startphase gemeinsam mit unseren professionellen Partnern. Wir haben die Möglichkeit, die Integrationsprojekte aus den zur Verfügung stehenden Mitteln der Ausgleichsabgabe zu fördern. Das heißt Leistungen für Aufbau, Erweiterungen und Modernisierungen von Integrationsprojekten sowie für betriebswirtschaftliche Beratungen können anteilig bezuschusst werden. Darüber hinaus können Nachteile, die sich aus der Beschäftigung oben genannten schwerbehinderter Menschen für den Arbeitgeber ergeben, ausgeglichen werden.

In Brandenburg blicken wir auf eine langjährige erfolgreiche Förderung von Integrationsprojekten zurück. Die Projekte verteilen sich über das gesamte Land. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte sind Dienstleistungen im Bereich Garten-, Land- und Forstwirtschaft, Wäschereien, Gesundheitseinrichtungen, das Hotel- und Gaststättengewerbe, der Handel, aber auch produktive Bereiche, wie z. B. die Holz- und Metallbearbeitung.

Thomas Neubauer ist Geschäftsführer der Aktiva Potsdam im Oberlinhaus.

Thomas Neubauer ist Geschäftsführer der Aktiva Potsdam im Oberlinhaus, Foto: Karoline Wolf

Die Sicht eines Arbeitsgebers

Integrationsbetriebe verfolgen nicht primär das Ziel der Gewinnmaximierung, stehen aber ganz normal im Wettbewerb zu anderen Unternehmen. Sie bieten reguläre Arbeitsverhältnisse für Menschen mit Behinderung und nehmen am allgemeinen Wirtschaftsleben teil. Damit schaffen sie einen Übergang in den ersten Arbeitsmarkt und ermöglichen Arbeitsbedingungen, die dem besonderen Bedarf gerecht werden.

Als Träger eines Integrationsbetriebes müssen wir uns entscheiden: Verstehen wir uns als ein Unternehmen, das den besonderen Bedürfnissen seiner Mitarbeitenden, insbesondere derer, die eine Behinderung haben, gerecht wird und alles dafür tut, um die Brücke in andere „normale“ Beschäftigungsverhältnisse zu schlagen? Oder verfolgen wir erwerbswirtschaftliche Zwecke mit dem Ziel einer auskömmlichen Rentabilität und einem kontrolliertem Wachstum?

Welchen Stellenwert haben wirtschaftliche Ziele im Kontext zu den Zielen angepasster Arbeitsbedingungen? Wie gehen wir mit dem Ziel einer Begleitung unserer behinderten Mitarbeitenden in den ersten Arbeitsmarkt um?

Unsere Antwort auf diese Fragen ist ziemlich eindeutig: Wir verstehen uns als Teil notwendiger Einrichtungen zur Teilhabe am Arbeitsleben. Unser Unternehmenszweck ist die Förderung und Begleitung von Menschen mit Behinderungen, denen wir einen Weg in den ersten Arbeitsmarkt ebnen wollen. Dabei haben wir jeden Einzelnen im Blick. Als Arbeitgeber kann ich sagen, dass allein der Status der Schwerbehinderung recht wenig über die Leistungsfähigkeit eines Menschen aussagt.

So gibt es Mitarbeitende mit Schwerbehinderung, die sehr leistungsfähig sind und kaum einer individuellen Unterstützung bedürfen. Es ist eine Überlegung wert, diese Mitarbeitenden nicht in einem Integrationsbetrieb anzustellen, sondern aktiv in den ersten Arbeitsmarkt zu begleiten. Aber wer möchte gern einen leistungsfähigen Mitarbeiter gehen lassen?

Andere Mitarbeitende mit Behinderung bedürfen durchaus einer höheren Unterstützung, weil sie beispielsweise etwa die Hälfte einer durchschnittlichen Arbeitsleistung erbringen können.

Und es gibt noch die Perspektive der Mitarbeitenden ohne Behinderung. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass für ein reibungsfreieres Miteinander regelmäßige, umfangreiche Schulungen von Nöten sind. Viele Menschen sind unsicher im Umgang mit Menschen mit Behinderung – auch in der Arbeitswelt: Wie spricht man mit einem lernbehinderten Angestellten? Und wie unterhält man sich in der Mittagspause mit einer Kollegin, die eine starke Hörschädigung hat? Schulungen, Teamtreffen, auch kleinere Veränderungen, wie etwa die Einführung eines neuen Putzmittels, müssen von allen gleich verstanden werden. Das heißt mitunter, dass immer ein Gebärden-Dolmetscher vor Ort ist.

Wir brauchen unterschiedliche Beschäftigungsmöglichkeiten zur Teilhabe am Arbeitsleben: Auf dem ersten Arbeitsmarkt, in Integrationsbetrieben und in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Wir brauchen eine Brücke in den ersten Arbeitsmarkt. Wir brauchen Integrationsbetriebe mit einer auskömmlichen finanziellen Unterstützung, die es ermöglicht, jeden Mitarbeitenden ganz individuell zu fördern und zu betreuen. Eine Förderung, die beispielsweise belohnt, wenn behinderte Mitarbeitende in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden. Der Ausgleich der finanziellen und organisatorischen Hürden stellt für das Integrationsamt eine ebenso große Herausforderung dar – die zur Verfügung gestellten Förderungsmöglichkeiten sind allerdings deutlich zu gering, um die  oben dargestellten Ansprüche zu realisieren.

 
Das Neunte Sozialgesetzbuch (SGB IX)
soll die Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft für Menschen mit Behinderung fördern und Benachteiligungen vermeiden bzw. entgegenwirken. Darin enthalten sind u. a. Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, zum Beispiel Regelungen zum Ausweis, zum Kündigungsschutz und über die Schwerbehindertenvertretung.

Die UN-Behindertenrechtskonvention enthält neben der Bekräftigung allgemeiner Menschenrechte für Menschen mit Behinderung eine Vielzahl spezieller, auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung abgestimmte Regelungen. Entworfen im Jahr 2006 von den Vereinten Nationen (UN) hat Deutschland 2009 die Konvention unterschrieben und sich damit verpflichtet, diese umzusetzen.

Linktipp: www.lasv.brandenburg.de