„Ihr macht doch gar keinen richtigen Unterricht“

Interview mit Frank Pagenkopf, Referendar an der Oberlinschule, über Vorteile und  Vorurteile seiner Arbeit

Es ist ein kalter Januartag. Ich bin auf dem Weg in die Oberlinschule, um dort Frank Pagenkopf kennenzulernen. Als ich das neue Gebäude auf dem Oberlin-Gelände in Babelsberg betrete, stehen gerade ein paar Schülerinnen in der Ecke, tuscheln und spielen mit ihren Handys. Weiter hinten im Gang diskutieren zwei Jungs mit einem Lehrer. Sie haben keine Lust, bei der Kälte die Pause draußen zu verbringen. Frank Pagenkopf kommt auf mich zu. Er bietet mir sofort das „Du“ an. Er wirkt voller Energie und ehe ich mich versehe, bin ich in ein Gespräch verwickelt, das noch sehr lange nachwirkt. Es dreht sich sehr viel um Vorurteile, Berührungsängste und Unwissenheit gegenüber Förderschulen und Sonderpädagogen.

Wann wurdest du das letzte Mal mit Vorurteilen gegenüber Sonderschulen konfrontiert?

Eigentlich ständig. Besonders nachdrücklich war das aber wieder einmal im letzten Sommer: Wir haben eine Schülerin, die sehr leistungsstark in Physik ist. Ich wollte gern, dass sie teilnimmt an der Landesphysikolympiade. Doch es war ein Krampf. Es fing schon damit an, dass wir die Ankündigung und Bewerbungsunterlagen gar nicht erhalten haben. Warum? Weil Förderschulen nicht im Verteiler sind. Dann habe ich dort angerufen und wurde mit Fragen konfrontiert wie: „Haben Sie überhaupt Physik an der Schule? Geben Sie überhaupt Noten? Geben Sie richtige Schulabschlüsse oder nur Hauptschulabschlüsse?“

Woran kann das deiner Meinung nach liegen?

In erster Linie an mangelnder Aufklärung. Man könnte auch sagen, es sind Berührungsängste. Für viele ist Förderschule gleich Förderschule. Dass es neun verschiedene Typen von Förderschulen gibt, wissen die meisten gar nicht. Auch nicht, dass hier die anerkannten Regelabschlüsse gemacht werden können. In Brandenburg kann an der Landesförderschule für den sonderpädagogischen Schwerpunkt „Sehen“ auch das Abitur gemacht werden.

Hast du eine Erklärung, warum sich diese Vorurteile so beharrlich halten?

Nicht so richtig. Auf jeden Fall verbirgt sich viel Unwissenheit dahinter. Das große Mysterium Förderschule: keiner kennt es, keiner kann es sich vorstellen, man hört nur, was man hören möchte und sieht nur, was man oftmals auch aus den Medien vermittelt bekommt. Und nun geh einmal durch unsere Sekundarstufe. Wie sehr unterscheidet sie sich wirklich von anderen Schulen?

Wie sieht es mit den Klischees unter Lehrern verschiedener Bildungswege aus? Herrscht da mehr Aufklärung?

Leider nein. Gerade da höre ich dann auch mal: „Ihr macht ja keinen richtigen Unterricht, sondern nur Bastel- und Klatschstunden. Auch wenn ihr Physik unterrichtet, so richtige Physik ist das nicht. So wie wir …“

Was ist denn dein Unterricht? Und wenn er sich unterscheidet, in welchen Punkten?

Mein Unterricht hat zunächst einmal ein Ziel, das schulübergreifend ist: Jeder Schüler soll selbstständig werden. Wir orientieren uns an den geltenden Rahmenlehrplänen. Das ist ganz wichtig. Wir schweben hier nicht im Vakuum, sondern haben ganz klar die curricularen Vorgaben des Landes, die wir versuchen umzusetzen.

Warum hast du gerade betont, dass das so wichtig ist?

Weil wir unseren Schülern die geltenden Schulabschlüsse geben. Und diese werden nur vergeben, wenn sie auch an den zentralen Abschlussprüfungen in Deutsch, Mathe, Englisch teilnehmen und inhaltlich das gleiche wie alle anderen Schüler auch leisten. Ich muss es also schaffen, meinen Schülerinnen und Schülern Wissen erfolgreich zu vermitteln. Dazu gehören auch Methoden und Kulturtechniken: Wie experimentiere ich, wie analysiere ich ein Herrschaftsportrait, was ist eine Karikatur?

Worin unterscheidet ihr euch dann?

Der wichtigste sonderpädagogische Leitsatz ist: Besinnung auf Stärken. Ich möchte, dass meine Schüler merken, ich kann etwas, ich habe Erfolg. Wenn wir morgen das Halbjahr ausläuten, machen wir genau das: Wir schauen uns an, welche Projekte wir durchgeführt haben, wo waren wir erfolgreich. Wir prämieren Schüler.

Physikalische Zusammenhänge anschaulich vermitteln; hier der „heiße Draht“.

Physikalische Zusammenhänge anschaulich vermitteln; hier der „heiße Draht“.

Und wie schaffst du es nun, in einer sehr heterogenen Gruppe erfolgreich zu vermitteln?

Ich liebe Spielzeug und ich liebe Spiele. Und ich kenne keinen Menschen, der nicht gerne spielt. Diesen spielerischen Ansatz nutze ich auch bei den Schülern. Bei Wiederholungen, in täglichen Übungen. Ein einfaches Beispiel: Die Schüler teilen sich auf in zwei Gruppen und spielen gegeneinander. Ich stelle Fragen, genau die gleichen Fragen, die sonst schriftlich auf Arbeitsblättern gestellt werden. Beantwortet eine Gruppe ihre Frage richtig, kann er sich seine Punkte erwürfeln. Durch das Spiel sind meine Schüler motiviert, sich mit den Lernaufgaben auseinanderzusetzen, mitzumachen, mitzudenken und  mitzuknobeln. Damit habe ich drei Dinge erreicht: Die Schüler haben Spaß, und das in der Gruppe. Sie lernen und wiederholen physikalisches Wissen. Und nebenbei wird die körperlichmotorische Entwicklung gefördert. Oder wir spielen Jeopardy mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen. In meinen Physikraum gehören einfach Carrerabahn und Loopingbahn.

Wie gehst du mit Misserfolgen um?

Da hilft mir die Struktur der Oberlinschule. Ich kenne in der Sekundarstufe jeden Kollegen, jeden Schüler und jede Schülerin mit Namen und zum Teil auch mit Indikationsstellung. Ist ein Schüler in einer Stunde einmal nicht so gut drauf, spreche ich ihn darauf an: Liegt es am Unterricht, kann ich Sachen vielleicht noch einmal erklären. Wenn es etwas Privates ist, sagt er es vielleicht. Oder ich erfahre, wie er bei meinen Kollegen war und kann es dann einordnen.

Was magst du an deinem Beruf?

Mir geht es gar nicht immer in erster Linie um einen Erfolg in der Wissensvermittlung. Ein schönes Beispiel ist Mathias*. Er ist Autist. Zu Beginn wollte er nie mit uns spielen. Er fand das zu aufregend, stand abseits und beobachtete das Geschehen aus der Ferne. Nach und nach näherte er sich aber, bald saß er in einer Gruppe, spielte aber noch nicht mit. Heute ist Mathias Gruppenleiter. Da geht mir einfach das Herz auf.

Wie ging denn eigentlich die Geschichte mit der Olympiade aus?

Meine Schülerin war dabei! Die ersten beiden Vorrunden hat sie erfolgreich gemeistert und sich für das Landesfinale in Frankfurt/Oder qualifiziert. Damit gehörte sie zu den besten sieben Schülern der Jahrgangsstufe 9 im Land Brandenburg, die an der Physikolympiade teilgenommen hatten. Und sie war die einzige, die nicht ein Gymnasium besuchte. Am Finale konnte sie leider aus persönlichen Gründen nicht teilnehmen.

Zuletzt: Was wünschst du dir?

Ganz persönlich?

Ja, ganz persönlich.

Die Anerkennung vom Land Brandenburg. Dann wäre ich zufrieden. Meine Arbeit liebe ich  und ich möchte gern weiter machen.


Anmerkung des Autorin:
Das Letzte muss ich erklären. Soweit es mir jedenfalls möglich ist, denn Frank Pagenkopf hat mit seinen 27 Jahren einen Weg gewählt, der nicht ganz so einfach zu erklären ist. Er musste ihn für mich aufmalen. Verstanden habe ich, dass er einer der wenigen im Land Brandenburg ist, der Lehramt auf Gymnasium für die Fächer Physik und Geschichte und zusätzlich Sonderpädagogik studiert hat. Heißt im Klartext, dass er Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf bis zum Abitur führen kann. Ich meine könnte, wenn das Land ihm diese Kombination an Abschlüssen auch anerkennen würde. Hoffen wir, dass sich die Sache zum Guten wendet und wir ihn hier behalten können.

Das war nur ein Ausschnitt aus dem Interview. Das gesamte Gespräch hätte den Oberliner allein gefüllt. Danke, Frank.

*Aus datenschutzrechtlichen Gründen ist der Name frei erfunden.

Fotos: Julia Stoppa