Eintauchen in die taubblinde Lebenswelt

Wer kann sich selbst in Dunkelheit schminken? Wie fühlt es sich an, wenn mir eine andere  Person die Zähne putzt oder die Haare kämmt? – Eine Selbsterfahrung

Seit April 2012 arbeite ich im Oberlinhaus als Assistentin der Leiterin im  Kompetenzzentrum für Taubblinde. Ein halbes Jahr später durfte ich am Seminar „Selbsterfahrung“ teilnehmen. Ziel war es, sich in die Lage von taubblinden Menschen in verschiedenen Situationen ihres Lebens hineinzuversetzen. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde und war sehr aufgeregt.

Zu Beginn wurde ich mit den Wahrnehmungen durch Simulationsbrillen von zwei verschiedenen Augenerkrankungen konfrontiert: der graue Star und der Röhrenblick. Mit einer blickdichten Brille vor meinen Augen sollte ich versuchen, Alltagsgegenstände zu erkennen, zu ertasten oder zu schmecken. Ein Brot schmieren, belegen mit Käse und Wurst, Senf und Ketchup obendrauf, ein Getränk eingießen – scheinbar einfache Aufgaben wurden zur Herausforderung. Dementsprechend sah ich aus. Gerade bei Lebensmitteln kommt man mit den Händen oft nicht weiter und muss sich auf seinen Geruchssinn verlassen.

Dann musste ich blind einen Raum mit Tisch, Couch, Stühle und TV durchqueren. Einen Schritt nach dem anderen und ganz langsam tastete ich mich voran. Meine Orientierung war gleich Null. War ich links oder rechts oder mitten im Raum? Plötzlich die Berührung einer anderen Person. Ich habe mich sehr erschrocken. Es war so still und dunkel um mich herum. Mit den Händen zu sehen ist für Ungeübte eine echte Herausforderung.

Zuletzt wurde ich mit einer verdunkelten Brille und Ohrstöpseln, in einem Rollstuhl gefahren. War ich drinnen oder draußen? Ich bekam Angst. Man muss blind vertrauen, auch dann, wenn man mit einem Wannenlift aus dem Rollstuhl gehoben oder auf eine Liege gelegt wird. Ich fühlte mich hilflos und ausgeliefert.

Zu erfahren, wie alltägliche Dinge zu fast unlösbaren Aufgaben werden oder zu erleben, wie sehr man Menschen vertrauen muss, vermittelt einen kleinen, aber sehr wertvollen Eindruck davon, mit welchen Ängsten, Sorgen und Problemen taubblinde Menschen alltäglich zu tun haben.

Titelbild: Grit Schulz