Das Wissen, gebraucht zu werden

Wenn individuelle Förderung nach der Schule nicht aufhört

Es ist ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden. Das geht den meisten so. Das Spannende an uns Menschen ist, dass wir so verschieden sind – mit unseren Stärken, Schwächen, Besonderheiten, Fähigkeiten und Bedürfnissen. Wenn wir erleben, dass wir – so wie wir sind – in einer Gemeinschaft wahrgenommen, aufgenommen und anerkannt werden, stärkt das unser Selbstwertgefühl.

Gleichberechtigung oder Gleichmacherei?

In der öffentlichen Diskussion zum Thema Inklusion steht gern nur eine Seite der Medaille im Vordergrund: Eine inklusive Gesellschaft sei eine, in der alle Menschen – mit und ohne Behinderung – in der gleichen Schule lernen, am gleichen Arbeitsplatz tätig sind, im gleichen Wohnviertel leben.

Einrichtungen wie Förderschulen, Wohnheime oder Berufsbildungswerke und Werkstätten, die sich auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung spezialisiert haben, werden bei dieser Sichtweise schnell als Sonder- und Parallelwelten abgestempelt.

Bei dieser Betrachtung geht jedoch die individuelle Perspektive der Menschen mit Behinderung unter. Welchen Sinn hätte Inklusion, wenn sie nicht in erster Linie die Lebensqualität der Menschen verbessert? Diese Frage führt zwangsläufig zum Thema Wahlfreiheit. Das heißt, jeder kann selbst wählen, wie und wo er leben, lernen und arbeiten möchte. Die Anforderungen sind hier sehr individuell. Auf den kommenden Seiten dieser Ausgabe erzählen diejenigen von ihren Anforderungen an den Ausbildungs- und Arbeitsort, über die oft nur gesprochen wird.

Schule – und dann?

Das Thema Inklusion in der Schule ist allgegenwärtig. Doch was passiert danach? Eine Frage, die auch Steffen W. bewegte. Er machte 2005 seinen Abschluss an der Oberlinschule. Denkt man die individuelle Förderung in der Schule konsequent weiter, muss diese auch in der Ausbildung und im Arbeitsleben ermöglicht werden.

Das Berufsbildungswerk im Oberlinhaus (BBW) hat sich genau das im Bereich der Ausbildung zur Aufgabe gemacht: Hier werden die Teilnehmenden optimal fachlich ausgebildet und persönlich gefördert. „Uns ist es wichtig, vor allem in arbeitsmarktrelevanten Berufen auszubilden, um unseren Absolventen einen möglichst einfachen Einstieg in das Berufsleben zu sichern“, so Margit Kanitz, Geschäftsführerin im BBW.

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Ausbildung zum Buchbinder im Kooperationsunternehmen, der Buchbinderei Prey, Foto: Birgit Fischer, BBW

BBW inklusiv?

„Die Auszubildenden, die erfolgreich ihre Ausbildung abschließen, sind nach einem Jahr durchschnittlich zu fünfzig Prozent vermittelt“, erklärt Margit Kanitz. Der Schritt ins Arbeitsleben ist ein großer. Nicht jeder meistert ihn ohne Weiteres. Für die Mitarbeitenden im BBW steht daher im Vordergrund, sich für die Jugendlichen einzusetzen und Mittel und Wege zu entwickeln, die für jeden Einzelnen genau die Unterstützung und Betreuung ermöglichen, die er oder sie benötigt. „Wir machen unsere jungen Menschen stark und bereiten sie auf die Herausforderungen der Arbeitswelt vor. Wir wollen die Menschen aber nicht verbiegen, sondern sie stolz auf ihre Individualität und Fähigkeiten machen“, betont Frau Kanitz.

Arbeiten auf Probe

Steffen W. wusste nicht genau, in welche Richtung es gehen sollte. Im BBW fand er Hilfe. In berufsvorbereitenden Kursen können Jugendliche mit Behinderung in verschiedenen Berufen „auf Probe arbeiten“ und schulische Defizite ausgleichen. Hier kann überprüft werden, ob die eigenen Vorstellungen mit den wirklichen Anforderungen und dem realen Arbeitsalltag übereinstimmen. In dieser Zeit erkannte er, dass eine Ausbildung für ihn noch nicht zu bewältigen ist. Er entschied sich, zunächst im Montagebereich der AKTIVA Werkstätten im Oberlinhaus zu arbeiten.

Werkstätten – „nur“ eine Alternative zur Arbeitslosigkeit?

Die Arbeitslosenquote liegt im Schnitt fast doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Behinderung. Allerdings schaffen Werkstätten etwas, das sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt: Zusammenhalt, Struktur, Sinn. „Mithilfe von angepasster Arbeit können Menschen mit Behinderung Anerkennung und Wertschätzung erfahren. Sie werden als mitwirkender Teil der Gesellschaft wahrgenommen. Werkstätten fördern somit die persönliche Entwicklung in Form von lebenslangem Lernen“, erklärt der Geschäftsführer Daniel Klappenbach den Grundgedanken der AKTIVA Werkstätten.

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Ausbildung der Kaufleute für Büromanagement, Foto: Hans-Jürgen Wiedl

„Keiner beauftragt uns aus Nächstenliebe“

Die Akquise von Arbeit ist nicht einfach, da die Werkstätten mit dem allgemeinen Arbeitsmarkt konkurrieren und immer auch die Fähigkeiten ihrer Beschäftigten sowie den Rehabilitationswert der Arbeit beachtet werden müssen. „In der Region haben wir uns einen guten Ruf bei Auftraggebern wie etwa Siemens erarbeitet, das zeigt sich u. a. bei Kundenbefragungen. Wir liefern termingerecht und in einer sehr guten Qualität. Getragen wird dies letztlich durch engagierte Mitarbeitende und Beschäftigte“, berichtet Herr Klappenbach.

Keine Einbahnstraße

Die AKTIVA Werkstätten haben schon nach neuen Wegen für ihre Beschäftigten gesucht, als das Wort Inklusion in Deutschland noch niemand kannte. Viele verbringen den Arbeitstag auf sogenannten „Außenarbeitsplätzen“. Auch Projekte wie „Reboot“ und „futuro“, bei denen Menschen mit psychischen Erkrankungen wieder in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden, gehören dazu. Lesen Sie mehr darüber auf den folgenden Seiten.

In einer inklusiven Gesellschaft …

…ist es normal, verschieden zu sein. Jeder ist willkommen. Jeder kann seine eigenen Anforderungen an den persönlichen Lern-, Arbeits- und Wohnort stellen und wählen. Steffen W. ging nach neun Jahren in den Werkstätten noch einmal in das BBW und absolvierte erfolgreich eine Ausbildung zur Bürokraft.


Inklusionskampagne

Inklusion ist ein Menschenrecht, das in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist. Deutschland hat diese Vereinbarung unterzeichnet. Mit der Umsetzung von Inklusion stehen wir aber noch am Anfang eines langen Prozesses. Das Oberlinhaus setzt sich für die große Aufgabe ein, Ausgrenzung zu verhindern und Gemeinschaft zu gestalten. Den Prozess können wir mit unserem sehr spezialisierten Fachwissen und Angeboten bereichern. In diesem Jahr haben wir in mehreren Aktionen wie Fachtagungen, internen Arbeitsgruppen, einem Leitfaden, Gottesdiensten mit allen Sinnen und vielem mehr darauf aufmerksam gemacht.

Titelbild: Wolfgang Bellwinkel