Alles Gute, Hertha.

Vor 140 Jahren wurde Hertha Schulz geboren, die erste taubblinde Bewohnerin im Oberlinhaus und Namensgeberin unseres Wohnheims für Taubblinde.

Hertha Schulz war das erste taubblinde Kind, das 1887 im Alter von zehn Jahren ins Oberlinhaus kam. Damit begann in Deutschland die Arbeit mit taubblinden Menschen. Heute werden wir europaweit als die Wiege der Taubblindenarbeit in Deutschland wahrgenommen. Hertha Schulz hat 70 Jahre hier gelebt und ist in Babelsberg begraben.

Hertha Schulz war ein gesundes und aufgewecktes kleines Mädchen, als sie mit 4 Jahren eine Treppe hinab stürzte. Eine Gehirnhautentzündung führte dazu, dass das Mädchen taub und blind wurde. Mit der Zeit wurde es schwerer, das kleine Mädchen zu bändigen, das sich in der Welt nicht mehr zurecht fand und mit dem niemand mehr sprechen konnte. Die damalige Oberin im Oberlinhaus, Thusnelda von Saldern, beschrieb Hertha Schulz nach ihrer ersten Begegnung folgendermaßen: „Sie war eine wunderliebliche, zarte, kleine Gestalt, mit langem, blonden Haar und stillem, sinnigem Ausdruck in seinen Zügen. Sanft berührte sie meine Haube und machte ein nachdenkliches Gesicht, als sie das Kreuz an der Kette um meinen Hals berührte.“

Hertha Schulz liest mithilfe ihrer Hände die Braille-Schrift.

Hertha Schulz liest mithilfe ihrer Hände die Brailleschrift.

In einem Bericht von 1888 wurde das Mädchen als recht wild beschrieben: „Verzogen und eigenwillig schien das arme Kind, während der ersten Tage, ganz verzweifelt. Sie stieß stundenlang hintereinander ein durchdringendes Geschrei aus, zerschlug und warf hin, was ihr in die Hände kam und war vollkommen unzugänglich.“ Ab 1891 hatte ein Taubstummenlehrer den Unterricht der inzwischen 14-Jährigen übernommen und so begann sie, sich in Gebärden und Handalphabet auszudrücken.

Hertha Schulz liebte alles Schöne und Duftende

Die junge Frau erwarb hauswirtschaftliche Fähigkeiten, lernte stricken und häkeln. Noch einmal der Bericht von 1888: „Hertha beschäftigt sich gern mit Handarbeiten und leistet mehr darin, als man von einer Blinden erwarten dürfte; im geschickten Zuschneiden von Puppenkleidern, an Erfindungsgabe und Geschicklichkeit bei Anfertigung kleiner Spielzeuge übertrifft sie viele sehende Kinder ihres Alters.“ Bis ins hohe Alter wird Hertha Schulz ein großes Geschick bei Handarbeiten bescheinigt, sie „arbeitet sauber und fein“, „bessert auch ihre Wäsche ganz allein aus“ und „liebt alles Schöne und Duftende.“

Handarbeiten übte Hertha Schulz mit großem Geschick und viel Freude aus.

Mit großem Geschick und viel Freude übte Hertha Schulz ihre Handarbeiten aus.

In dem Dokumentarfilm von 1926 sieht man Hertha Schulz, wie sie voller Stolz ihre Glasvitrine mit vielen kleinen
privaten Schätzen präsentiert: kleine Figuren aus Porzellan und Ton und Puppen aller Art. Die Vitrine ging zu Bruch, als das Haus im Frühjahr 1945 von einer Bombe getroffen wurde.

Die Wiege der Taubblindenarbeit in Deutschland

Mit der Zeit waren weitere taubblinde Kinder ins Oberlinhaus gekommen. Am 2. Juli 1906 wurde hier das erste Taubblindenheim Deutschlands eingeweiht. Das Haus wurde von vier Mitarbeiterinnen und neun Kindern bezogen. Drei Jahre später beschloss man einen Neubau für insgesamt 50 taubblinde Bewohner/-innen zu errichten, welcher 1912 eingeweiht wurde. Hertha Schulz hat dort ein eigenes Zimmer bezogen. Ihre Umgebung beeindruckte sie zeitlebens durch ihr freundliches und aufgeschlossenes Wesen und mit ihrem tiefen Gottvertrauen.

Hertha Schulz feiert ihren 80. Geburtstag

Hertha Schulz feiert ihren 80. Geburtstag

Hertha Schulz wurde 81 Jahre alt. Sie ist auf dem Babelsberger Goethefriedhof beigesetzt worden. Das alte Taubblindenheim von 1912 beherbergt heute die Wohnstätte für taubblinde, hörsehbehinderte Kinder und Jugendliche sowie den Taubblindenschulteil. Das Haus wurde 2000 vollständig umgebaut und nach seiner ersten Bewohnerin benannt: Hertha-Schulz-Haus.